„Männer werden inzwischen benachteiligt!" — Ein ehrlicher Blick auf ein ernstzunehmendes Gefühl
- 16. März
- 5 Min. Lesezeit

Gerade rund um den Weltfrauentag werden immer wieder die Stimmen laut, die der Meinung sind: „Für Frauen wurde doch schon genug getan. Wir Männer sind inzwischen die Benachteiligten."
Dieser Satz macht viele sprachlos, während er bei anderen wiederum auf große Zustimmung trifft.
Das Gefühl, benachteiligt zu werden, sollten wir niemandem pauschal absprechen. Auch wenn es nicht immer mit struktureller Benachteiligung gleichzusetzen ist.
Woher kommt das Gefühl der Benachteiligung bei Männern?
Gefühl von Verlust
Wenn eine bisher unterrepräsentierte Gruppe aufholt (in diesem Fall Frauen), kann sich das für die bisher privilegierte Gruppe (in diesem Fall Männer) wie ein Verlust anfühlen. Das ist auch der Fall, wenn objektiv nichts weggenommen wurde. Studien zur sogenannten „Zero-Sum-Perception” zeigen, dass viele Menschen Gleichstellung unbewusst als Nullsummenspiel erleben (Roberts and Davidai, 2022). Das bedeutet, dass, wenn eine Gruppe gewinnt, die andere Gruppe automatisch verlieren muss. Dieses Gefühl ist menschlich nachvollziehbar, allerdings handelt es sich dabei um eine Wahrnehmungsverzerrung.
Beispiel
In der Tech-Branche gibt es heute mehr Events und Programme, die gezielt Absolventinnen ansprechen und für die Branche begeistern sollen. Die Reaktion mancher Männer darauf: „Wir werden ausgeschlossen." Dabei finden parallel weiterhin unzählige Veranstaltungen statt, bei denen Männer selbstverständlich willkommen sind. Hinzu kommt, dass die Branche insgesamt nach wie vor männlich dominiert ist (Bitkom, 2026). Was sich verändert hat, ist nicht der Ausschluss von Männern, sondern der Versuch, den historischen Ausschluss von Frauen zu korrigieren.
Was wir dabei außerdem beachten sollten, ist die Tatsache, dass Männer lange Zeit Jobs aufgrund ihres Geschlechts bekommen haben. Es klingt hart, aber nicht immer wurden die Besten ausgewählt, sondern bestenfalls die besten Männer. Was heute als „Benachteiligung von Männern" wahrgenommen wird, ist oft schlicht das Ende eines unverdienten Vorteils, und mehr Konkurrenz, da nun vermehrt auch Frauen für Positionen berücksichtigt werden (Zehnter et al., 2021).
Zahlen und Fakten
Oft wird auch mit Zahlen und Fakten argumentiert, wenn es darum geht die systematische Benachteiligung von Männern zu belegen. Diese Argumente werden dabei häufig vorgetragen.
Männer und Bildung
Im Bereich Bildung schneiden Männer im Durchschnitt schlechter ab. Mehr Mädchen machen Abitur (55%) und mehr Frauen schließen ein Studium ab (53%) (Destatis, 2025a).
Gefährliche Arbeit und kürzere Lebenserwartung
Männer sind in gefährlichen Berufen wie z.B. Bau oder Bergbau überrepräsentiert. Daher betreffen sie Arbeitsunfälle mit Todesfolge häufiger als Frauen (Destatis, 2023b). Dazu kommt eine kürzere Lebenserwartung und eine deutlich höhere Suizidrate (Destatis, 2025c).
Sprechen diese Fakten für strukturelle Benachteiligung?
Ich möchte hier nochmal betonen, dass individuelle Erfahrungen von Benachteiligung, unabhängig vom Geschlecht, ernst zu nehmen sind. Ein Mann, der in einem Sorgerechtsstreit schlechter gestellt wird, leidet darunter. Ein Mann, der in einem von Frauen dominierten Berufsfeld auf Vorurteile trifft, leidet ebenfalls.
Strukturelle Benachteiligung sieht aber anders aus. Strukturelle Benachteiligung zeigt sich durch die ungleiche Verteilung von Ressourcen, Macht und Chancen innerhalb eines Systems (Coig, 2024). Sie ist systematisch, statistisch nachweisbar und wird durch Institutionen reproduziert. Außerdem betrifft sie eine Gruppe konsistent und flächendeckend (Homan, 2019).
In Deutschland gibt es keine institutionellen Mechanismen, die Männern systematisch den Zugang zu Bildung, Gesundheitsversorgung, Wohnraum oder politischer Teilhabe verwehren. Nach diesem Maßstab sind Männer in Deutschland also nicht strukturell benachteiligt. Die Probleme, mit denen Männer konfrontiert sind, entstehen oft aufgrund derselben patriarchalen Rollenbildern (z.B. keine Schwäche zeigen, nicht um Hilfe bitten), die auch Frauen schaden.
Die strukturelle Benachteiligung von Frauen ist hingegen gut belegt. Wir verdienen in Deutschland noch immer weniger als Männer (Destatis, 2025d), sind in Führungspositionen, Vorständen und politischen Spitzenämtern deutlich unterrepräsentiert (Destatis, 2025e), leisten den Großteil der unbezahlten Care-Arbeit (mit direkten Folgen für Rente und Karriere) (BMBFSFJ, 2024) und sind überproportional häufig von häuslicher Gewalt und Femiziden betroffen (BMBFSFJ, 2025). Hier sehen wir systematische Muster, die sich durch alle gesellschaftlichen Bereiche ziehen.
Wie gehen wir damit um?
Wenn jemand sagt: „Ich fühle mich benachteiligt”, sollten wir nachfragen, um herauszufinden, welche Ängste oder Bedürfnisse dahinterstecken. Sei es die Angst, weniger Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu haben. Das Gefühl, in einer sich verändernden Arbeitswelt den Anschluss zu verlieren. Die Unsicherheit, welche Rolle man als Mann noch einnehmen darf. Oder die Erschöpfung durch Leistungsdruck, der seit Generationen vor allem an Männer adressiert wird.
Das Problem dabei ist, dass sich viele Männer nicht trauen, ihre Ängste so konkret zu benennen. Von klein auf lernen sie, keine Schwäche zu zeigen. Diese toxische Männlichkeit sorgt dafür, dass aus einer verständlichen Angst die Aussage „Männer werden benachteiligt" wird.
Fazit
Gleichstellung bedeutet nicht, dass eine Gruppe gewinnt und eine andere verliert. Vielmehr bedeutet sie, dass wir alle von einer Gesellschaft profitieren, in der niemand aufgrund seines Geschlechts benachteiligt wird. Wir dürfen die Ängste und Probleme von Männern ernst nehmen und dürfen gleichzeitig nicht die Augen vor struktureller Benachteiligung von Frauen verschließen.
Ich unterstütze Teams und Organisationen dabei, diese Gespräche konstruktiv zu führen und eine Unternehmenskultur zu gestalten, in der alle gehört werden.
Literatur
Roberts, R. and Davidai, S. (2022) 'The psychology of asymmetric zero-sum beliefs', Journal of Personality and Social Psychology, 123(3), pp. 559–575.
Bitkom e. V. (2026) Gläserne Decke, Stereotype & Karrierehürden: Frauen fehlen in IT- und Digitalberufen. Presseinformation. Berlin: Bitkom e. V. Verfügbar unter: https://www.bitkom.org/Presse/Presseinformation/Karrierehuerden-Frauen-fehlen-in-IT-und-Digitalberufen [Zugriff am: 16. März 2026].
Zehnter, M. K., Manzi, F., Shrout, P. E. and Heilman, M. E. (2021) 'Belief in sexism shift: Defining a new form of contemporary sexism and introducing the belief in sexism shift scale (BSS scale)', PLOS ONE, 16(4), e0248374.
Statistisches Bundesamt (Destatis) (2025a) Gender Education Gap: Hochschulreife erwerben zu 55 % Frauen, den Ersten Schulabschluss zu 59 % Männer. Pressemitteilung Nr. N014 vom 3. April 2025. Wiesbaden: Destatis. Verfügbar unter: https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2025/04/PD25_N014_212.html [Zugriff am: 16. März 2026].
Statistisches Bundesamt (Destatis) (2025b) Tödliche Arbeitsunfälle. Wiesbaden: Destatis. Verfügbar unter: https://www.destatis.de/DE/Themen/Arbeit/Arbeitsmarkt/Qualitaet-Arbeit/Dimension-1/toedliche-arbeitsunfaelle.html [Zugriff am: 16. März 2026].
Statistisches Bundesamt (Destatis) (2025c) Suizide in Deutschland. Wiesbaden: Destatis. Verfügbar unter: https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Gesundheit/Todesursachen/Tabellen/suizide.html [Zugriff am: 16. März 2026].
Coig, H. (2024) 'Gendered Realities: Addressing Inequality and Empowerment', Sociology and Criminology, 12, p. 306.
Homan, P. (2019) 'Structural Sexism and Health in the United States: A New Perspective on Health Inequality and the Gender System', American Sociological Review, 84(3), pp. 486–516.
Statistisches Bundesamt (Destatis) (2025d) Gender Pay Gap 2025 unverändert bei 16 %. Pressemitteilung Nr. 453 vom 16. Dezember 2025. Wiesbaden: Destatis. Verfügbar unter: https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2025/12/PD25_453_621.html [Zugriff am: 16. März 2026].
Statistisches Bundesamt (Destatis) (2025e) Deutschland unter EU-Durchschnitt: Weniger als jede dritte Führungskraft ist weiblich. Pressemitteilung Nr. 393 vom 3. November 2025. Wiesbaden: Destatis. Verfügbar unter: https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2025/11/PD25_393_13.html [Zugriff am: 16. März 2026].
Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ) (2024) Gender Care Gap – ein Indikator für die Gleichstellung. Berlin: BMBFSFJ. Verfügbar unter: https://www.bmbfsfj.bund.de/bmbfsfj/themen/gleichstellung/gender-care-gap/indikator-fuer-die-gleichstellung/gender-care-gap-ein-indikator-fuer-die-gleichstellung-137294 [Zugriff am: 16. März 2026].
Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ) (2025) Straftaten gegen Frauen und Mädchen nehmen weiter zu – Häusliche Gewalt auf Höchststand. Pressemitteilung vom 21. November 2025. Berlin: BMBFSFJ. Verfügbar unter: https://www.bmbfsfj.bund.de/bmbfsfj/aktuelles/pressemitteilungen/straftaten-gegen-frauen-und-maedchen-nehmen-weiter-zu-haeusliche-gewalt-auf-hoechststand-275492 [Zugriff am: 16. März 2026].
Hi, ich bin Pia!

Ich bin Business Coaching und Trainerin für Antidiskriminierung in
München.
Nach einigen Jahren im Personalbereich, habe ich die Entscheidung getroffen, mich mit meinem Herzensthema Diversity, Equity, Inclusion & Belonging selbstständig zu machen.
Mit meiner Arbeit möchte ich Strukturen schaffen, die marginalisierte Personen an die richtigen Tische bringen. Vielfalt & Inklusion sollen in Zukunft die Norm in der Arbeitswelt sein und keine Ausnahme mehr darstellen.


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